Mit Erzbischof Georg Gänswein, dem langjährigem Privatsekretär Benedikts XVI. und derzeit Apostolischer Nuntius für die baltischen Staaten, spricht Henryk Piec.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. argumentiert, die doktrinelle und liturgische Krise in der Kirche habe ein Ausmaß erreicht, das Handlungen selbst ohne Zustimmung Roms rechtfertige. Können Sie diese Denkweise nachvollziehen?
Ich kann ihr nicht zustimmen. Hier wird die Grenze des Gehorsams überschritten, der nach katholischem Verständnis, nicht nur rechtlich, sondern auch und vor allem theologisch begründet ist. Gehorsam bedeutet nicht bloß formaler Befehlsvollzug, sondern setzt die Anerkenntnis voraus, dass Christus seine Kirche auch durch ihre theologisch-rechtliche Verfassung leitet.
Redlicherweise muss eingestanden werden, dass nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Bereich der Liturgie zahlreiche Missstände sichtbar geworden sind. Diese sind aber nicht dem Konzil und der Liturgiekonstitution zuzuschreiben. Die Gründe für die liturgische Willkür liegen vielmehr in Fehlinterpretationen der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium und einer teilweise oberflächlichen und brachialen Umsetzung der Reformen. Diesen Fehlentwicklungen ist entschieden entgegenzutreten.
Die Kirchengeschichte lehrt, dass nach Konzilien immer wieder innerkirchliche Spannungen aufgetreten sind. Die Umsetzung von Reformen bringt Unruhe und Unsicherheiten mit sich. Wichtig ist, nicht überstürzt und kopflos vorzugehen, wie es bei der Umsetzung der Liturgiereform leider da und dort der Fall war.
Es ist irrig zu behaupten, die Kirche habe ihre eigene liturgische Tradition aufgegeben und das Verständnis und die Feier der Eucharistie sei nach dem II. Vatikanum nicht mehr dasselbe wie vorher. Eine solche Aussage ist abwegig.
Einer der Hauptvorwürfe der Bruderschaft gegenüber der Reform Pauls VI. ist die Abschwächung des Opfercharakters der heiligen Messe.
Dieser Vorwurf hält einer sorgfältigen theologischen Prüfung nicht stand. Die Behauptung, der Novus Ordo Missae verwische oder beseitige den Opfercharakter der Eucharistie, ist falsch. Die Lehre der Kirche in dieser Frage ist unverändert geblieben.
Gewiss gab es zweifelhafte Messfeiern, bei denen aufgrund der Eigenmächtigkeit des Zelebranten oder einer missverstandenen Kreativität wichtige Aspekte des eucharistischen Mysteriums in den Hintergrund traten. Dass solche willkürliche Ereignisse bei den Gläubigen Besorgnis hervorrufen, ist nicht nur verständlich, sondern Zeichen einer wachen und aufmerksamen Teilnahme an der eucharistischen Feier. Es ist zu unterscheiden zwischen missbräuchlichen Interpretationen und den eigentlichen Reformanliegen der Liturgiereform. Missbrauch kann niemals Interpretationsschlüssel für die Umsetzung der Liturgiereform sein.
Es ist leider festzustellen, dass zwischen dem, was die Kirche tatsächlich lehrt, und dem, was mitunter von den Kanzeln verkündet wird, große Unterschiede bestehen. Die Aufrechterhaltung der gesunden Lehre und die ehrfürchtige Feier der Glaubensgeheimnisse sind die beiden Pfeiler des katholischen Eucharistieglaubens.
Benedikt XVI. machte gegenüber der Bruderschaft eine bedeutende Geste, indem er die Exkommunikationen der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe aufhob. Haben Sie rückblickend nicht den Eindruck, dass der Versöhnungsprozess später ins Stocken geriet?
Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, was Exkommunikation bedeutet. Im Bewusstsein vieler Menschen gilt sie als endgültigen Ausschluss eines Katholiken aus der Kirche. Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt. Die Exkommunikation ist eine „Beugestrafe“, ein Mittel zur Wiederherstellung der gestörten Gemeinschaft. Die Kirche wendet sie an, wenn jemand durch sein Handeln den Glauben und die Einheit der Kirche schwer verletzt. Die verhängte Beugestrafe soll den Gläubigen zur Reue und zur Umkehr bewegen. Sie eröffnet ihm dadurch den Weg zurück zur vollen kirchlichen Gemeinschaft. Es handelt sich um ein Vorgehen, das den tiefen Zusammenhang von Einheit im Glauben, Reue, Umkehr und Versöhnung zum Ausdruck bringt.
Die Aufhebung der Exkommunikation der von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe durch Papst Benedikt war ein wichtiger Schritt im Prozess der Versöhnung mit der Priesterbruderschaft. Leider haben die Verantwortlichen die ausgestreckte Hand des Papstes nicht ergriffen ihm seinen Großmut nicht gedankt. Er hat alle Möglichkeiten wahrgenommen, um die Abspaltung der Bruderschaft von der Kirche zu überwinden. Das Ziel wurde leider nicht erreicht zum großen Schmerz und tiefen Bedauern Benedikts XVI.
Welche Rolle spielte in diesem Prozess das Motu Proprio Summorum Pontificum?
Dieses päpstliche Dokument sollte der Priesterbruderschaft im Bereich der Liturgie eine Brücke bauen und zum Ausdruck bringen, dass in der Liturgie, vor allem in der Feier der heiligen Eucharistie, Kontinuität bewahrt wurde und kein Bruch eingetreten sei. In Summorum Pontificum ist von dem einen römischen Ritus die Rede, der in zwei Formen existiert: der ordentlichen und der außerordentlichen Form. Damit erinnerte Benedikt XVI. daran, dass die Liturgie keine Brüche, sondern von kontinuierliche Entwicklung kennt. Beide legitimen Formen sollten sich gegenseitig bereichern und den Gläubigen helfen, das Sakrament der Eucharistie würdig und ehrfürchtig zu feiern.
Die Liturgie der Kirche ist ein großer Schatz, der nicht zum Gegenstand ideologischer Streitigkeiten reduziert werden darf. Diese Auffassung hat Papst Benedikt in zahlreichen Publikationen theologisch begründet. Dafür ist er unermüdlich eingetreten, um den Weg zur Versöhnung zu öffnen.
Wären mögliche Bischofsweihen ohne Zustimmung des Papstes lediglich ein Akt des Ungehorsams oder auch ein dramatisches Signal des Vertrauensverlustes in die gegenwärtige Ausrichtung der Kirche?
Unabhängig von den Motiven, die die Bruderschaft ins Feld führt, ist jede Bischofsweihe ohne das Mandat des Papstes ein schwerwiegendes Vergehen gegen die Einheit der Kirche. Jeder katholische Bischof muss in der Einheit mit dem Nachfolger Petri und dem Bischofskollegium stehen, ansonsten kann er nicht als rechtmäßig anerkannt werden.
Es geht nicht nur um Ungehorsam gegenüber dem Papst, dem Garanten der Einheit, sondern auch um einen Verstoß gegen die sakramentale Struktur der Kirche.
Alle Versuche, parallele hierarchische Strukturen außerhalb der Communio hierarchica aufzubauen, sind gescheitert. Dieses geschichtlich belegte Faktum sollte die Bruderschaft als dringende Mahnung zur Kenntnis nehmen. Die Einheit der Kirche ist kein kosmetischer Zusatz, sondern ein konstitutives Element der Katholischen Kirche.
Manche behaupten, der Dialog zwischen dem Vatikan und der Bruderschaft sei in dem Moment gescheitert, als doktrinelle Fragen durch eine administrative und disziplinäre Logik ersetzt wurden.
Diese Auffassung teile ich nicht. Über viele Jahre hinweg hatte ich die Möglichkeit unter Kardinal Ratzinger und Benedikt XVI. aus nächster Nähe den Dialogprozess mit der Bruderschaft zu verfolgen. Es wurde größten Wert auf die lehrmäßigen oder doktrinellen Fragen gelegt.
Die in der Öffentlichkeit verbreitete Meinung, dass es vor allem liturgische Fragen waren, die zur Abspaltung geführt hat, trifft nicht zu. Das eigentliche Problem liegt nicht in der Liturgie, d.h. in der klassischen (nachtridentinischen) und erneuerten (nachvatikanischen) rituellen Form, sondern in der Glaubenslehre. Mit anderen Worten: Der Kern der Problematik betrifft doktrinelle Fragen und das Verständnis von Tradition.
Tradition besteht nicht in der mechanischen Weitergabe bestimmter Begriffe. Ihr Wesen liegt in der treuen Weitergabe desselben Glaubens unter den sich wandelnden geschichtlichen Bedingungen. Kardinal Newman hat dieses Anliegen in seinen theologischen Werken luzide dargestellt. Weiterentwicklung in der Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse bedeutet keinen Bruch mit der Tradition, sondern bedeutet organisches Wachstum, vergleichbar mit dem Wachstum eines lebendigen Organismus, der derselbe bleibt, auch und gerade wenn er reift.
Wo das Bewusstsein für diese Dynamik fehlt oder verloren gegangen ist, wird Tradition auf eine bestimmte historische Form fixiert und geradezu betoniert, und auch nostalgisch verklärt. Das ist Relativismus, dem sowohl Traditionalisten wie Progressisten auf dem Leim gegangen sind.
Hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. nach dem Tod Benedikts XVI. im Vatikan den Menschen verloren, der sie wirklich verstand?
Die Priesterbruderschaft hat es Papst Benedikt nicht gedankt, dass er alles getan hat, um die Spaltung zu überwinden. Er verstand die Sorgen und Nöte nur zu gut, die die Umsetzung der Liturgiereform vielen Gläubigen beschert hat, und ebenso gut kannte er die Argumente traditionalistischer Kreise. Berechtigte Anliegen von Positionen zu unterscheiden, die zu ekklesiologischen Irrtümern führten, war ein zentrales Anliegen seines Einsatzes für die Aufrechterhaltung des liturgischen Lebens in der Kirche.
Benedikt XVI. war ein aufmerksamer Beobachter der Entwicklungen, die in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung traten. Er hat früh gewarnt, den sognannten „Geist des Konzils“ gegen die tatsächlichen Konzilsaussagen auszuspielen.
Das heißt, trotz des Ausbleibens einer endgültigen Versöhnung bleibt die Überzeugung, dass er ein Mensch war, der wirklich versucht hat, eine Brücke zwischen Rom und der Bruderschaft zu bauen?
Benedikt XVI. war überzeugt, dass die Einheit der Kirche ein hohes Gut ist, das weder erzwungen werden kann noch eine Frucht von Kompromissen sein darf. Aus tiefer Liebe zur Kirche hat er über viele Jahre hinweg geduldig und allen Verleumdungskampagnen zum Trotz versucht, eine Brücke zwischen Rom und der Bruderschaft zu bauen. Es blieb allerdings Stückwerk, um es mit dem heiligen Paulus zu sagen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Summorum Pontificum ist ein Päpstliches Schreiben in Form eines Motu proprio, das von Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 veröffentlicht wurde. Das Dokument erweiterte die Bestimmungen zur Feier der heiligen Messe und zur Spendung der Sakramente nach dem traditionellen römischen Ritus (bekannt als tridentinische Messe).




