Ein Interview mit Erzbischof Georg Gänswein, dem langjährigen persönlichen Sekretär von Papst Benedikt XVI. und Apostolischen Nuntius für das Baltikum, geführt von Henryk Piec.
Henryk Piec: Joseph Ratzinger wurde als „Panzerkardinal“ und „Gottes Rottweiler“ bezeichnet. Für seine Gegner waren dies abfällige Begriffe. Viele Katholiken empfanden sie jedoch als Anerkennung für seinen Mut. Wie hat er selbst auf solche Meinungen reagiert?
Erzbischof Georg Gänswein: Diese Etiketten wurden von denen, die sie prägten, eindeutig negativ verwendet. Sie tauchten auf, als Kardinal Joseph Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation war; sie sollten ihn als einen herz- und rücksichtslosen Menschen darstellen. Ihn selbst hat das nicht tangiert. Er hat sich nicht davon leiten lassen, ob er Anerkennung und Popularität finden oder Kritik ernten würde. Die Reaktion der Medien war für ihn keine Maßstab. Für ihn zählte nur eines: vor seinem Gewissen richtig und im Einklang mit der Wahrheit zu handeln. Das war das einzige Kriterium. Er schielte nicht nach Applaus.
Viele Gläubige brachten ihm gerade für diese Haltung großen Respekt entgegen.
Und das nicht zu Recht. Jeder, der das theologische Wirken von Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. kennt, weiß, dass sein ganzes Leben auf den Dienst an der Wahrheit ausgerichtet war. Nicht zufällig lautete sein bischöflicher Wahlspruch Cooperatores Veritatis „Mitarbeiter der Wahrheit“. Das war nicht nur ein schönes Zitat für sein Wappen. Es war das Programm seines Lebens. Bis zum Schluss hat er für den authentischen katholischen Glauben gekämpft. Er war überzeugt, dass man die Wahrheit nicht an die Erwartungen der Welt oder an wechselnde Moden anpassen dürfe. Die Kirche hat die Pflicht, das Evangelium zu verkünden, ob gelegen oder ungelegen und unabhängig davon, ob sie damit auf Zustimmung oder Ablehnung stößt. Solche Zeugen des Glaubens brauchen wir heute mehr denn je.
Johannes Paul II. nannte Kardinal Ratzinger seinen „bewährten Freund“. Glauben Eure Exzellenz, dass er in ihm seinen natürlichen Nachfolger sah?
Das weiß ich nicht. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass das Pontifikat Benedikts XVI. eine natürliche Fortsetzung des Pontifikats seines polnischen Vorgängers gewesen ist. Dreiundzwanzig Jahre lang war Kardinal Ratzinger sein engster Mitarbeiter, was man vor allem an lehramtlichen Dokumenten erkennen kann. Johannes Paul II. brachte ihm ein außergewöhnliches Vertrauen entgegen, ansonsten hätte er ihn nicht als „bewährten Freund“ – bezeichnet. Ich sehe die Wahl von Kardinal Ratzinger auf den Stuhl Petri als Zeichen der Kontinuität.
Viele Kommentatoren haben versucht, beide Päpste einander gegenüberzustellen.
Jeder Papst hat seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Art, die er in das Amt mitbringt. Das bedeutet jedoch keine inhaltliche Änderung des Glaubens der Kirche. Benedikt XVI. war davon überzeugt, dass sich die Kirche durch Kontinuität entwickelt und nicht durch Brüche mit ihrer eigenen Tradition. Entwicklung bedeutet ein immer tieferes Verständnis desselben Glaubens und nicht dessen Ersetzung durch etwas Neues.
Eines der Themen, das bis heute viele Emotionen weckt, bleibt die Art und Weise des Kommunionempfangs. Hat die Praxis der Handkommunion zu einer Schwächung der Ehrfurcht vor der Eucharistie beigetragen?
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wandte sich die Deutsche Bischofskonferenz an Papst Paul VI. mit der Bitte um die Handkommunion. Diese Bitte wurde erfüllt. In der Folge wurde allerdings an vielen Orten erkennbar, dass die Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten nachgelassen hatte, manchmal kam es auch zu Missbräuchen. Das soll nicht heißen, dass derjenige, der die Handkommunion empfängt, der Eucharistie weniger Respekt und Ehrfurcht erweist. Aber es ist unübersehbar, dass das Risiko einer Schwächung der Ehrfurcht tatsächlich besteht. Ich meine, dass man jedem Gläubigen die Freiheit der Wahl lassen sollte. Ich selbst habe, bevor ich Priester wurde, Mundkommunion praktiziert. Ich glaube, dass diese Form der angemessenste Ausdruck der Ehrfurcht vor der realen Präsenz Christi ist. Das ist für den persönlichen Glauben von enormer Bedeutung.
Einige behaupten jedoch, dass der Streit nicht nur die Liturgie, sondern auch die Lehre betrifft, und verweisen unter anderem auf Fragen im Zusammenhang mit der Ökumene.
Man muss sich im Klaren sein, was Ökumene bedeutet. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ein Dekret über die Ökumene erlassen, dessen Ziel die Wiederherstellung der verlorenen Einheit im Glauben ist. Ökumene bedeutet nicht, dass die katholische Kirche auf einen Teil ihres Glaubensgutes verzichtet. Es bedeutet auch nicht, dass man sich „auf halbem Weg“ trifft, und einen Kompromiss aushandelt. Die Kirche kann nicht auf die Wahrheit verzichten. Es können jedoch Fehler gemacht werden, wie der Dialog geführt und der Glaube vermittelt wird. Solche Fehler sind tatsächlich passiert. Sie resultieren jedoch nicht aus der Absicht der Ökumene. Nochmals, das Ziel bleibt die Wiederherstellung der Einheit im Glauben und in der Wahrheit.
Ist es nicht die größte Tragödie der heutigen Kirche, dass sie sich immer häufiger davor fürchtet, ein Zeichen des Widerspruchs für die Welt zu sein, obwohl sie gerade dazu berufen wurde?
Leider ist das ein häufig vorkommendes Phänomen. Die Kirche existiert nicht, um sich der Welt anzupassen. Ihre Mission ist die Verkündigung des Evangeliums – auch dann, wenn es unbequem ist oder auf Unverständnis stößt. Wenn wir anfangen, Reaktionen der Öffentlichkeit mehr zu fürchten als die Untreue gegenüber Christus, dann entsteht ein ernstes Problem. Die Kirche war schon immer ein Zeichen des Widerspruchs. Nicht, weil sie den Konflikt sucht, sondern weil die Wahrheit keine Zweideutigkeiten duldet.
Viele Gläubige betrachten Benedikt XVI. heute als einen der herausragendsten Lehrer der Kirche. Einige sprechen sogar von ihm als „Doctor subito“, in Anlehnung an die „Santo subito“-Rufe, die nach dem Tod von Johannes Paul II. ertönten. Teilen Eure Exzellenz diese Überzeugung?
Ich erinnere mich noch gut an das Begräbnis von Johannes Paul II. und die Transparente mit der Aufschrift „Santo Subito“. Auch beim Begräbnis von Benedikt XVI. gab es ein solches Transparent, wenn auch viel bescheidener. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Benedikt XVI. zu den großen Lehrern auf dem Stuhl Petri gehört. Sein theologisches Erbe wird mehr und mehr ans Tageslicht kommen und die Gläubigen stärken. Klugheit und Erfahrung der Kirche haben sich auch auf das Verfahren hinsichtlich Proklamierung zum Kirchenlehrer niedergeschlagen. Bevor jemand zum Kirchenlehrer ernannt wird, muss er zunächst zur Ehre der Altäre erhoben werden. Ich bin überzeugt, dass die Zeit dafür kommen wird. Vor Gott gibt es allerdings keine Eile.
Kardinal Jean-Claude Hollerich erklärte, dass eine mögliche Zulassung von Frauen zur Priesterweihe zu einem Schisma führen könnte, insbesondere wegen des Widerstands der afrikanischen Kirchen. Ist das nicht ein Beweis dafür, dass gerade Afrika heute zum Verteidiger der katholischen Identität geworden ist?
Gott sei Dank halten die afrikanischen Katholiken mit großem Mut und Eindeutigkeit am Glauben fest. Das ist eine große Unterstützung für die Kirche im Westen. Ich stimme jedoch nicht der Behauptung zu, dass die Frauenweihe nur deshalb nicht eingeführt wird, weil Afrika sich dagegen stellt. Es gibt schwerwiegende theologische Gründe, die es der Kirche nicht erlauben, Frauen das Sakrament der Weihe zu erteilen. Das ist keine Frage von Mehrheitsbeschlüssen oder des Drucks einzelner Kontinente. Die Kirche bleibt an das gebunden, was sie von Christus empfangen hat.
Joseph Ratzinger sagte schon als Kardinal, dass Europa aufgehört habe, sich selbst zu lieben. Heute halten viele diese Worte für prophetisch.
Es waren prophetische Worte, die vor mehr als dreißig Jahren gesprochen wurden. Heute sehen wir deutlich, wie treffend sie die Gefahr beschrieben, in die sich Europa begeben hat. Wir haben es mit einem Kontinent zu tun, der sich seines christlichen Erbes schämt. Doch ohne das Christentum ist es unmöglich, die Geschichte Europas zu verstehen. Wenn Europa sich von seinen Wurzeln löst, diese gar abschneidet, verliert es seine Identität. Genau dieser Prozess ist gegenwärtig zu beobachten.
Einer der meistkommentierten Sätze des Pontifikats von Papst Franziskus waren die Worte: „Wer bin ich, um zu urteilen?“. Obwohl sie während eines Gesprächs mit Journalisten im Flugzeug fielen, wurden sie für viele zum Symbol für einen Wandel in der Lehre der Kirche.
Hier muss man den Kontext beachten, in dem diese Aussage formuliert worden ist. Sie fiel während einer Pressekonferenz im Flugzeug. Diese Worte können nicht lehramtliche Aussage bezeichnet werden. Leider wurde sie sehr schnell in einer Weise verwendet, die zahlreiche Missverständnisse zur Folge hatte. Viele Menschen hatten den Eindruck, dass sich die Position der Kirche in der Angelegenheit geändert habe. Es hat jedoch keine Änderung der Lehre stattgefunden. Man musste allerdings feststellen, dass sich die Atmosphäre in der Kirche verändert hat, und das hatte bedenkliche Folgen.
Man hört immer häufiger die Meinung, dass das, was heute in der Kirche in Deutschland geschieht, zu einer Verwässerung der katholischen Identität führt. Wie bewerten Eure Exzellenz die aktuelle Situation?
Zunächst möchte ich betonen, dass es eine „deutsche Kirche“ nicht gibt. Es gibt die katholische Kirche in Deutschland. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die Kirche ist eine und universal und nicht national. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die aktuelle Situation der katholischen Kirche in Deutschland Anlass zur Sorge gibt. Das, was man als „Synodalen Weg“ bezeichnet, hat nicht zu einer Erneuerung des Glaubens geführt. Im Gegenteil – in vielen Kreisen traten Tendenzen auf, die zu einer Schwächung der katholischen Lehre geführt hat. Es ist wenig Begeisterung für das Evangelium zu spüren, und es wird zu viel Gewicht auf administrative, organisatorische und institutionelle Angelegenheiten gelegt. Solche Aktivitäten stärken den Glauben nicht. Die Kirche lebt nicht von Strukturen. Die Kirche lebt vom Glauben und vom Glaubenszeugnis. Gleichzeitig ist darauf aufmerksam zu machen, dass es in Deutschland gottlob zahlreiche Gläubige und auch Gemeinschaften gibt, die den katholischen Glauben aufrichtig und mit Freude leben. Das sind oft kleine Gruppen, in den Medien kaum sichtbar. Leider wird über sie sehr selten gesprochen.
In Polen sorgten Bilder von Kirchen, an denen Regenbogenfahnen hingen, für großes Aufsehen.
Das waren seltsame Bilder, sie haben bei nicht wenigen Gläubigen Anstoß erregt. Die Mentalität, die hinter dieser Aktion steht, ist Ausdruck von Ungehorsam gegenüber der Lehre und Disziplin der Kirche. Es ist eine Manifestation von Ideologie. Und die Verbindung von Ideologie und Ungehorsam ist immer gefährlich. Die Kirche darf nicht zulassen, dass ideologische Symbole die authentische Verkündigung des Evangeliums verdrängen.
In einigen Diözesen hat man begonnen, Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare zu organisieren. Lässt sich eine solche Praxis mit der Lehre der Kirche vereinbaren?
Die Position des Heiligen Stuhls ist in dieser Angelegenheit sehr klar. Es ist nicht erlaubt, solche Feiern zu organisieren. Wenn jemand sie trotzdem durchführt, handelt er im Ungehorsam gegenüber dem kirchlichen Lehramt. Es darf keinen Raum für willkürliche Interpretationen geben.
Wenn die Position Roms eindeutig ist, warum werden diese Praktiken dann weiterhin fortgesetzt?
Weil die bloße Feststellung, dass etwas Ungehorsam ist, nicht ausreicht. Wenn die Kirche ihre Glaubwürdigkeit bewahren will, müssen den Worten konkrete Taten folgen. Diejenigen, die die Entscheidungen des Heiligen Stuhls bewusst missachten, sollten zur Verantwortung gezogen werden. Wenn wir uns nur auf Erklärungen beschränken und keine Maßnahmen ergreifen, wird sich die Situation nicht ändern.
Glauben Eure Exzellenz, dass solche Schritte unternommen werden?
Ich hoffe und erwarte es. Bisher haben wir jedoch keine entschiedenen Schritte gesehen. Die Kirchengeschichte lehrt, dass ähnliche Krisen auch früher aufgetreten sind. Nach dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 breitete sich der Arianismus so weit aus, dass sehr viele Bischöfe die arianische Irrlehre annahmen. Und dennoch hat die Kirche überlebt.
Was lässt in solchen Momenten die Hoffnung bewahren?
Es ist nicht das erste Mal, dass eine Krise auch die Hirten der Kirche trifft. Es gab Zeiten, in denen es Bischöfen an Mut mangelte oder diese falschen Lehren folgten. Und trotzdem blieb der Glaube erhalten. Nicht, weil sich die Hirten als Helden erwiesen, sondern dank der Treue der einfachen Gläubigen. Sie waren es, die den wahren Glauben aufrecht erhielten. Und sie waren es, die den Glauben weitertrugen und mutig Zeugnis ablegten. Die Kirche stützt sich nicht auf ihre Strukturen. Ihre Stärke sind die Heiligen und Bekenner. Ihre Stärke sind die Gläubigen, die nach dem Evangelium leben. Das gibt Hoffnung, auch und gerade heute.
Haben deshalb so viele Katholiken mit Hoffnung auf das Pontifikat von Benedikt XVI. geblickt?
Ja. Ähnlich war es zuvor bei Johannes Paul II. Beide erinnerten daran, dass es nicht die Aufgabe des Papstes ist, das Evangelium den Erwartungen, die von außerhalb der Kirche herangetragen werden, anzupassen. Die vornehmste und wichtigste Aufgabe des Nachfolgers Petri ist es, die Brüder im Glauben zu stärken. Diese Aufgabe bleibt und muss bleiben.
Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Zdjęcia: M24/Alina Piec




